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Streuobstwiesen am Niederrhein

 

Vom Aussterben bedroht oder Renaissance?

Im Rahmen des Modellvorhabens „Obstwiesenschutz NRW“, gefördert durch das Land NRW und durch die Europäische Union, wird auf Antrag der Naturschutzverbände NABU und BUND u.a. die Situation des Streuobstwiesenbestandes am Niederrhein untersucht. Die bisher im Rahmen der Arbeit ermittelten Ergebnisse sind alarmierend.

 

Die in den letzten Jahren während der Steinkauzkartierungen ermittelten Zahlen sowie einige vom NABU organisierte Erhebungen geben einen recht guten aktuellen Überblick zur Streuobstwiesen-Bestandssituation in den Kreisen Wesel und Kleve. Für den Kreis Viersen können die Zahlen anhand der Auswertung der Landschaftspläne geschätzt und hochgerechnet werden. Mitte der 1990er Jahre hat Günter Wessels den Bereich der Stadt Krefeld kartiert. Teilflächenkartierungen liegen für Duisburg und Oberhausen vor, Mönchengladbachs Obstwiesen sind im Rahmen einer Biotoptypenkartierung mittels Luftbildauswertung berechnet worden.

 

Danach befinden sich im hiesigen Verbreitungsgebiet etwa 113.000 hochstämmige Obstbäume auf über 5.900 Obstwiesen. Davon stehen die meisten Obstbäume, nämlich mehr als 51.000 im Kreis Wesel. 25% weniger im Kreis Kleve. Historisch bedingt, war der Streuobstwiesenbestand im Kreis Viersen schon immer geringer und erreicht nunmehr etwa 10.000 Bäume. In der Gruppe der kreisfreien Städte weist Mönchengladbach die meisten Bäume auf.

 

Bedingt durch die unterschiedlich großen Kreisgebietsflächen sind die Angaben der Bäume pro km² für die Bedeutung des Vorkommens von Obstwiesen aussagekräftiger als der Wert zum absoluten Vorkommen. Auch bei dieser Berechnung erreicht der Kreis Wesel den mit 49 Bäumen je km² den niederrheinischen Spitzenwert (Kleve 31 Bäume km²; Viersen 18).

 

Wie auch in vielen anderen Untersuchungen bereits beschrieben, muss auch hier auf die besonders ungünstige Altersstruktur der Obstwiesen hingewiesen werden. Wahrscheinlich weit mehr als 2/3 der Obstbäume befinden sich in der Alters- und Abgangsphase. Die weitaus meisten der alten knorrigen Gestalten sind zwischen 1920 und 1940 gepflanzt worden. Danach hat sich eine über 40 Jahre andauernde Periode der Nichtpflanzung angeschlossen, die zur aktuellen Situation geführt hat.

 

So ist diese alte Baumgeneration zwar durch zahlreiche Höhlen etc. ökologisch besonders wertvoll , aber für eine nachhaltige und dauerhafte Entwicklung des Gesamtbestandes ist diese demografische Entwicklung eher als sehr ungünstig zu bezeichnen.

 

Doch wie sind diese Zahlen einzuschätzen?

Im Jahre 1965 wurden vom Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik letztmalig die nordrhein-westfälischen Obstbaumbestände gezählt. Etwa 3,5 Mio. Bäume waren das Ergebnis seinerzeit. Für die Region Niederrhein wurden damals auf Basis der Altkreise 338.206 Bäume ermittelt (s. Tab. 2). Im Vergleich zu aktuell 113.300 gezählten Bäumen stellt dieses einen Rückgang um 66 % dar.

 

In welchen Gebieten ein besonders starker Rückgang zu verzeichnen ist, lässt sich aufgrund der kommunalen Neugliederung von 1975 und des damit verbundenen völlig neuen Flächenzuschnitts für die Flächenkreise im Einzelnen nicht mehr ermitteln. Die Spanne der am Niederrhein insgesamt festgestellten Verluste ist jedoch beträchtlich.

 

Der landesweite Rückgang beträgt im Flächenmittel sogar 71 % und liegt damit noch einmal um 5 Prozentpunkte über dem Niederrhein-Durchschnitt. Nur vielleicht als wehmütige Erinnerung an das einstige Obstwiesenvorkommen in NRW: 1900 fanden sich noch über 13 Mio. Obstbäume zwischen Rhein und Weser.

 

Die Gründe für den massiven Rückgang an Obstwiesen in den letzten 40 Jahren sind vielfältig. Massiv wurde in den Obstbaumbestand mit Rodungsaktionen Anfang 1970er Jahre eingegriffen, die vor allem durch die damalige EWG erheblich finanziell unterstützt und forciert wurden. Zahlreiche Bäume fallen der Kettensäge zum Opfer, weil sie Bau- und Gewerbegebieten sowie Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen im Wege stehen. Als weiterer wichtiger Grund muss auf das veränderte Verbraucherverhalten hingewiesen werden. Mit dem Wirtschaftsaufschwung in den 50er und 60er Jahren hielten die Südfrüchte Einzug in die deutschen Haushalte. Die damals einsetzende Mobilität machte mehr und mehr frisches Obst ganzjährig verfügbar. Und der Wunsch des Verbrauchers nach makellosem Obst, frei von Schorf und Stippe, tat ein Übriges.

 

Diese nachlassende Nachfrage führte wiederum bei den Obstwiesenbesitzern zu rückläufigem Engagement in punkto Pflege und Nachpflanzung von Obstbäumen. Durch die zunehmende Technisierung in der Landwirtschaft gingen dort zudem Arbeitsplätze verloren, die früher in den arbeitsarmen Wintermonaten in der Obstbaumpflege eingesetzt wurden. Alles in Allem also ein Teufelskreis, der bis heute noch nicht nachhaltig unterbrochen werden konnte.

 

Eine besorgniserregende Entwicklung aber auch zu Lasten der Natur, denn die Streuobstwiese, als vom Menschen geschaffener Lebensraum, hat sich über die Jahrhunderte zu einem besonders artenreichen und damit ökologisch wertvollen Kulturbiotop entwickelt. Steinkauz, Grünspecht und viele andere Tierarten sind u.a. auf Obstwiesen mit ihren unterschiedlichen Strukturen wie Baumhöhlen Borke, Blätter oder Früchten inzwischen essentiell zum Überleben angewiesen.

 

In Folge dessen kann der Rückgangstrend der Obstwiesen mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung auf die auf diesen Lebensraum angewiesenen Tier- und Pflanzenarten übertragen werden wie das Verschwinden vom Wendehals als ehemaligen Bewohner niederrheinischer Streuobstwiesen schon heute beweist.

 

Doch wie sind die Aussichten?

In den letzten 10 -15 Jahren sind eine Reihe von Initiativen gestartet worden, die Anlass zur Hoffnung geben. In der Region fest etabliert ist mittlerweile das von der Obstkelterei van Nahmen und der NABU-Kreisgruppe Wesel initiierte Aufpreisversaftungsprojekt, in dem sich inzwischen über 170 Obstwiesenbesitzer zur Obsterzeugung (insbesondere Äpfel) unter bestimmten vertraglichen Bedingungen verpflichten und dafür zum Ausgleich einen höheren Auszahlungspreis erhalten. Der NABU-Bezirksverband Krefeld/Viersen ist diesem Projekt auch beigetreten, so dass die großen Flächenkreise am Niederrhein vollständig erfasst sind. Für das von der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet in Duisburg erfolgreich gestartete Aufpreisprojekt böte sich ebenfalls ein Beitritt an.

 

Fazit: eine für Streuobstwiesenbesitzer ökonomisch interessante Verwertungsmöglichkeit wird damit in der Region angeboten. Mit der in Schwalmtal gelegenen Krautfabrik Spelten befindet sich ein weiterer traditioneller Obstverarbeiter im hiesigen Verbreitungsgebiet, mit dem aber auch noch eine entsprechende Konzeption erarbeitet werden müsste.

 

Für den Erhalt der Streuobstwiesen ist neben der Möglichkeit der Obstverwertung, die Pflege der Bäume von besonderer Bedeutung. Dafür werden von den Kreisverwaltungen im Rahmen des Kulturlandschaftsprogramms (KLP) auch Möglichkeiten zur Obstwiesenpflege angeboten. Bedingt durch Auflagen des Co-Finanziers Europäische Union gibt es einige einschränkende verwaltungstechnische Hürden zu überwinden, so dass nicht jeder pflegewillige Obstwiesenbesitzer in den Genuss der finanziellen Förderung gelangen kann. Trotz der Auflagen werden im Kreis Wesel annähernd 5.000 Bäume über diese Förderung unterstützt und erhalten. Auch in den Kreisen Kleve und Viersen gibt es eine zunehmende Akzeptanz dieses Förderinstrumentariums festzustellen.

 

Problematisch ist jedoch, dass vielerorts das Wissen um den fachgerechten Baumschnitt verloren gegangen ist, vielen Obstwiesenbesitzern inzwischen die Zeit für die Baumpflege fehlt und zu guter letzt auch den landwirtschaftlichen Betrieben immer mehr der Nachwuchs fehlt, der sich dem Erhalt der Bäume verpflichtet fühlen könnte.

 

Trotzdem: vielleicht gelingt es zukünftig über veränderte Fördermodalitäten weitere Obstwiesenbesitzer zum Mitmachen zu bewegen oder mit anderen personellen Strukturen die Baumpflege wieder neu zu beleben.

 

Die Initiativen der NABU-Gruppen, der jeweiligen Kreisverwaltungen oder auch der Obstkelterei haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass in allen Kreisgebieten jeweils mehrere tausend junge Obstbäume nachgepflanzt wurden. Dabei ist leider nicht in allen Fällen sichergestellt, dass die Jungbäume auch über mehrere Jahre fachgerecht erzogen werden und so ein langlebiges Kronengerüst erhalten. Dringend muss hierfür noch ein spezielles Jungbaumpflegekonzept entwickelt werden.

 

Die Situation von Streuobstwiesen, die sich nicht auf bäuerlicher Scholle befinden, sondern die im Rahmen von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen angelegt werden, bedarf einer gesonderten Betrachtung, die zu gegebener Zeit an anderer Stelle erfolgen muss. Häufig fehlt diesen Obstwiesen ein fundiertes (z.B. auf 25 Jahre angelegtes) Pflegekonzept. So mancher Baumbestand präsentiert sich deshalb nicht unbedingt in einem optimalen Zustand und bietet keine Gewähr für ein langfristiges, nachhaltiges Bestehen.

 

Zusammenfassend kann festgestellt werden: Die Obstwiesen am Niederrhein haben in den letzten Jahrzehnten erhebliche Rückgänge zu verzeichnen. Bedingt durch die Altersstruktur des derzeitigen Baumbestandes wird es in den nächsten Jahren unwiederbringlich zu weiteren großen Baumverlusten in den heimatlichen Obstwiesen kommen. Die in den letzten Jahren vorgenommenen Nachpflanzungen, das erfolgreiche Aufpreisprojekt der Obstkelterei van Nahmen sowie die gestarteten Kulturlandschaftsprogramme lassen erwarten, dass auch zukünftig Obstwiesen am Niederrhein Mensch und Tier erfreuen werden, wenn auch in zum Teil erheblich verringerter Anzahl. Die bestehenden privatwirtschaftlichen und naturschutzverbandlichen Initiativen einerseits und optimierte staatliche Förderprogramme andererseits, können Natur und Landwirtschaft eine gute Streuobstwiesenperspektive bieten.

 

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel von Franz-Wilhelm Ingenhorst, erschienen im Naturspiegel, Heft 59

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